Ali und die Macht der Worte

 

Das bewegende Leben von Muhammad Ali in wenigen Worten zusammenzufassen, ist eine große Herausforderung. Ging es jedoch nach ihm, so genügte lediglich: „I am the GREATEST!“ Ali war Box-Champion und Großmaul. Er war Kriegsdienstverweigerer und Sprachrohr der Black Community. Wie kaum ein anderer tanzte er durch den Ring und besiegte diejenigen, die als unbesiegbar galten. Ali’s größte Waffe waren jedoch nicht seine Fäuste, sondern seine Worte!

Bereits in den frühen Jahren seiner Profikarriere fiel Ali – damals noch unter seinem Geburtsnamen Cassius Clay – als Wichtigmacher und Spottdichter auf. Sein großes Selbstbewusstsein drückte er besonders darin aus, dass er oftmals die Runde des K.o. seines Gegners voraussagte.

„Archie Moore will be on the floor in round four!“

Tatsächlich ließ er seinen Worten auch Taten folgen und schickte seine Gegner wie vorausgesagt auf die Bretter. Seinen Kampfstil beschrieb er damals schon mit unvergleichbar schöner Lyrik:

„Float like a butterfly, sting like a bee“ („Fliege wendig wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“)

Im Februar 1964 erhielt er schließlich seine große Chance im Kampf gegen den zuvor zehn Jahre ungeschlagenen Weltmeister Sonny Liston. Dieser galt als haushoher Favorit, der an Erfahrung und Schlagkraft um einiges reifer als Clay war.

„Der irritierend selbstbewusste Cassius bestreitet diesen Titelkampf mit einem unbedeutenden Nachteil. Er kann nicht so gut kämpfen, wie er reden kann.“
– Arthur Daley, New York Times –

Aufstieg zur Identifikationsfigur der Black Community

Muhammad_Ali_NYWTSAber Cassius Clay glaubte fest an sich und verspottete Liston vor dem Kampf: „Du zitterst ja vor Angst, du hässlicher Bär. Du hast keine Chance gegen mich!“ Mit diesem Sprachwitz drang er tief in die Psyche all seiner Gegner sein. Nach sieben Runden bereits gab Sonny Liston auf. Der Agilität und Wendigkeit des jungen Clay hatte er nichts entgegenzusetzen. Dieser brüllte nach der Aufgabe seines Gegners lautstark durch die Mikrofone: „I shook the world! I am the greatest!“ Noch im gleichen Jahr konvertierte er zum Islam, legte seinen „Sklavennamen“ ab und nannte sich fortan Muhammad Ali, wodurch er zur Identifikationsfigur der Black Community, aber auch zum Feindbild vieler konservativer Amerikaner wurde.
Seine Freundschaft zu Malcolm X und die Zugehörigkeit zur „Nation of Islam“, einer radikalen afroamerikanischen Religionsgemeinschaft, die auch vor Gewalttaten nicht zurückschreckte, war durchaus umstritten. Man propagierte sich selbst als die überlegene Rasse und stand damit im klaren Gegensatz zur Bürgerrechtsbewegung eines Martin Luther King, der mit friedlicher Integration der gesetzlichen Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung entgegenstrebte.

Die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung war gespalten, aber spätestens durch seine Kriegsdienstverweigerung zeigte Ali, dass es größeres gibt als die inneren Spannungen des sog. Civil Right Movements. Mit einer bewegenden Rede lehnte er öffentlich ab, für die USA in den Vietnamkrieg zu ziehen:

„Ihr wollt mich ins Gefängnis stecken? Nur zu, wir sind seit 400 Jahren Gefangene […] Wenn ich sterben will, sterbe ich genau hier, im Kampf gegen euch […] Ihr seid nicht meine Feinde […] Ihr seid jedoch meine Gegner, wenn ich Frieden und Freiheit will. Ihr seid auch meine Gegner, wenn ich Gerechtigkeit und Gleichberechtigung will. Und ich soll für euch kämpfen? Warum? Ihr tretet nicht mal für meine Rechte hier in Amerika ein, verlangt aber, dass ich für euch kämpfe? Nein!“

Ali wird mit einer fünfjährigen Gefängnisstrafe belegt und kommt nur durch die Zahlung einer hohen Summe auf Kaution frei. Sowohl seine Weltmeistertitel mitsamt der Boxlizenz, als auch sein Reisepass werden ihm entzogen. Für dreieinhalb Jahre muss er tatenlos zusehen, wie andere Boxer namens Joe Frazier oder George Foreman zu den neuen Helden der Massen werden.

„Lieber ein Gefängnisbrot, als in Vietnam und tot!“

Doch Ali blieb nicht untätig, gab Interviews und hielt Vorträge gegen den Krieg und für die Rechte der Schwarzen. Es zeigte sich in dieser schweren Zeit besonders, dass Ali sein Durchhaltevermögen und seine Motivation aus dem Ring auch vor dem Mikrofon unter Beweis stellen konnte. Dies unterstrich er mit feinster Rhetorik, die stark an seinen Tanzstil aus dem Boxring erinnerte. Ali war mehr als nur ein Maulheld. In klarer Sprache und schlagkräftiger Dialektik wusste er sein Publikum zu überzeugen und um den Finger zu wickeln.

Rumble in the Jungle 

362998037_99b69f575c_bErst nach dreieinhalb Jahren erhielt Muhammad Ali seine Boxlizenz zurück. Durchaus hatte er etwas an seiner Dominanz eingebüßt. Nach ersten Siegen stellte er sich dem neuen Weltmeister Joe Frazier, den er gehässig als „Uncle Tom“ verhöhnte, da Frazier unter der weißen Bevölkerung extrem beliebt war. Frazier gewann das Duell, wodurch Ali wieder ganz von vorne beginnen musste. Dabei überzeugte er immer öfter mit psychologischen Kriegsspielen vor seinen Kämpfen. So auch beim „Rumble in the Jungle“, dem bis heute legendärsten Boxkampf aller Zeiten. Sein damaliger Gegner George Foreman galt als das Maß aller Dinge. Er schien unbesiegbar, hatte er doch zuvor in 40 Kämpfen noch keine Niederlage erlitten und fast jeden seiner Gegner nach nur wenigen Runden K.o geschlagen. Viele Sportreporter sagten bereits Ali’s Karriereende voraus.

Tatsächlich hatte er mit seiner tänzelnden und beweglichen Kampfweise keine Chance gegen den jüngeren und schlagkräftigeren Foreman. So änderte Ali seine Taktik und lehnte sich während des Kampfes fortwährend in die Seile, sodass sein Gegner ihm keine Kopftreffer verpassen konnte. Derweil deckte er seinen Thorax mit den Unterarmen ab. Über viele Runden hinweg prügelte Foreman unentwegt auf ihn ein, während Ali ihn dauerhaft provozierte: „Ist das alles George? Ist das alles, was du drauf hast?“
Foreman zermürbte sich wie mehr als zehn Jahre zuvor Liston am psychisch stärkeren Muhammad Ali. In Runde 8 schlug Ali ihn zu Boden und sorgte damit für die Sensation im Kampf der Giganten. Ali war wieder Weltmeister! Durch einen unbändigen Willen und die Macht der Worte, die stärker schlugen als seine Fäuste.

„You think the world was shocked when Nixon resigned?
Wait till I whup George Foreman’s behind.
Float like a butterfly, sting like a bee
His hands can’t hit what his eyes can’t see
Now you see me, now you don’t
George thinks he will, but I know he won’t.“

Wie kein anderer Boxer vor und nach ihm verstand es Muhammad Ali, sich als große Persönlichkeit zu inszenieren. Ali war mehr als nur ein Boxer. Er war ein Künstler mit immensem Sprachwitz und poetischem Talent. Seine rhetorischen Kompetenzen setzte er gekonnt ein, um zur politisch und spirituell wichtigen Persönlichkeit zu werden, die er bis zu seinem Lebensende bleiben sollte. Mit seinen vorgetragenen Gedichten prägte er den Sound der sechziger Jahre und kann durchaus als Wegbereiter des Rap gelten. Möglicherweise war er sportlich nicht der beste aller Zeiten. Viele andere Boxer hatten mehr Schlagkraft und steckten weniger Niederlagen ein. Was Ali einzigartig und unsterblich macht, war seine Poesie in und außerhalb des Ringes. Niemand hatte diese Strahlkraft, niemand umtänzelte so leichtfüßig-elegant seine Gegner. Niemand wurde aber auch so oft unterschätzt und zeigte es schlussendlich doch immer allen.

Muhammad Ali ist nun im Alter von 74 Jahren seiner Parkinson-Erkrankung erlegen. Das Institut Michael Ehlers verneigt sich vor dem größten Rhetoriker der Sportwelt.

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