Die besten Reden aller Zeiten

Überzeugen, Massen begeistern, ein jubelndes Publikum, im besten Fall in die Geschichte eingehen – das haben bisher nur wenige Redner geschafft. Dabei müssen es nicht immer Politiker sein, die durch exzellente Redekunst ganze Massen in Euphorie versetzen können. Manchmal sind es auch Sportler, Schauspieler oder Firmenchefs. In unserer neuen Serie „Die besten Reden aller Zeiten“ präsentieren wir Ihnen die Reden von Menschen, die durch verschiedenste rhetorische Mittel im Gedächtnis blieben, und damit Großes bewirkt haben. Wir sagen: Mikro an!

Zum Einstieg: Barack Obama, 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Warum Barack Obamas Reden so berühmt sind

Donald Trump wird neuer Präsident der USA. Und ob uns das nun gefällt oder nicht, ändern können wir es sowieso nicht mehr. Barack Obamas Amtszeit neigt sich derweil dem Ende zu. Für uns eine gute Gelegenheit, sich mit den rhetorischen Fähigkeiten des ersten afroamerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika auseinanderzusetzen.

Ohne Frage sticht er aus der Riege der US-amerikanischen Präsidenten heraus. Seine Präsidentschaft war symbolträchtig, seine Reden ebenso. Eine dieser Reden ist die Siegesrede 2008, welche uns allen aufgrund dreier unverwechselbarer Wörter im Gedächtnis hängen geblieben ist: Yes we can!

Auch wenn diese Phrase untrennbar mit Obama verknüpft ist, hängt sein außergewöhnliches Redetalent von mehr ab, als diesen kleinen Wörtern. Wir erinnern uns am Ende an das Große Ganze: an die Wortwahl und Formulierungen, an die Gestik und Redestrategien. All das macht eine großartige Rede aus und Obama zu einem neuen Typus eines Präsidenten.

Versetzen wir uns zunächst acht Jahre in die Vergangenheit zurück:

Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika wird ein Afroamerikaner US-Präsident. Ein historischer Moment, als dieser Mann am 05.November 2008 vor einer tosenden Menge von begeisternden Menschen in Chicago seine Antrittsrede hält, welche in die Geschichte eingehen sollte.

barack-obama-1174489_1280Wenn es da draußen jemanden gibt, der noch daran zweifelt, dass die Vereinigten Staaten ein Ort sind, an dem alles möglich ist, der sich noch immer fragt, ob der Traum unserer Gründerväter heute noch lebendig ist, der noch immer die Kraft unserer Demokratie in Frage stellt, hat heute Abend eine Antwort bekommen.“

Sein Publikum bereits mit dem Einstieg zu begeistern, ist keine leichte Aufgabe. Es gilt, sowohl Sympathisanten als auch Kritiker für sich zu gewinnen. Barack Obama meistert diese Aufgabe erfolgreich. Es gelingt ihm zunächst mit Pathos, von welchem Amerikaner bekanntlich kaum genug bekommen kann. Er wählt eine direkte Ansprache an seine Zuhörer, die etwaigen Zweifeln jegliche Grundlage entzieht.

Seine Präsidentschaft sei der Beweis dafür, dass die Demokratie in Amerika funktioniere und der Traum unserer Gründerväter heute noch lebendig ist. Er greift die Geschichte der USA auf und beruft sich auf die Gründerväter, welche mit ihrem Namen die Verfassung der Vereinigten Staaten unterzeichneten. Bis heute stehen sie damit für die Unabhängigkeit des gesamten Landes und jedes einzelnen Amerikaners, der in einer funktionierenden Demokratie alles erreichen kann, unabhängig seiner Herkunft und Hautfarbe. Dafür steht sein Land, dafür stehen die Vereinigten Staaten von Amerika.

Die positive Grundstimmung

Weiterhin bedient er sich einer Methode, die amerikanische Redner oft anwenden: Er macht Amerika mit Worten groß. Er heizt die Menge an: „Wir waren immer die Vereinigten Staaten von Amerika und wir werden es auch immer sein“ durch dieses „Wir“ verdeutlicht er den inneren Zusammenhalt alle amerikanischen Staaten. Er appelliert an die Gemeinschaft, denn nur zusammen kann Amerika groß sein.

Wichtig ist ihm dabei, dass alle, egal welcher Abstammung sie sind oder welche soziale Stellung sie haben, an einem Strang ziehen. Durch die gezielte Auswahl seiner Worte löst er bei seinen Zuhörern ganz entscheidende Impulse aus. Der Schlüssel dazu ist die Verwendung positiv konnotierter Begriffe wie „Lösung“ oder „Antwort“. Sie geben dem Publikum ein besseres Gefühl als „Problem“ oder „Fehler“. Obama verwendet in seiner Rede „answer“ fünf Mal, „question“ oder „problem“ hingegen jeweils kein bzw. nur ein Mal. Die positiven Wörter verleihen nicht nur seinen Ansprachen, sondern auch seinem Publikum dabei eine positive Grundstimmung.

Die Wir-Perspektive als rhetorisches Werkzeug

Das Gefühl eine Gemeinschaft zu sein verstärkt er zudem immer wieder mit dem Personalpronomen „wir“. Er sieht sich selbst als Mann aus dem Volk und stellt sich somit mit seinen Zuhörern auf eine Ebene. WIR schaffen das zusammen, nicht ICH alleine! „Dabei werde ich aber nie vergessen, wem dieser Sieg eigentlich gehört. Er gehört euch. Er gehört euch.“

Das rhetorische Hilfsmittel der Wir-Perspektive vermag es, direkt auf den Zuhörer und seine Belange einzugehen. So entsteht nicht der Eindruck, jemand stelle die eigenen Interessen oder Ziele über die der Zuhörer – in diesem Fall dem amerikanischen Volk. Das „wir“ hat nicht nur eine zentrale Bedeutung in seinen Reden, auch sein eher unbeabsichtigter Wahlslogan „Yes we can“ verinnerlicht die Gemeinschaftsbekundung. Das Besondere an diesem Wahlspruch ist seine Einfachheit und Kürze. Als Obama in den Wahlkampf eintrat, war sein Motto noch „Change we can believe in“. Der Spruch „Yes we can“ ist erst in einer Rede Anfang 2008 entstanden, in der er den Ausspruch ständig wiederholte. Seitdem verbanden die Menschen Barack Obama mit diesen drei Wörtern. Kurz und knackig demonstrierten sie in ihrer ganzen Einfachheit, dass man es gemeinsam schaffen kann weiterzukommen.

Die Macht der Wortwahl

Jedoch sind dringende oder zukünftige Probleme nicht zu vereinfachen, rundum zu verschönern oder einfach zu verschweigen. Diese Herausforderung meistert Obama ebenfalls, indem er sich den Hilfsmitteln der Rhetorik bedient. Natürlich muss zunächst auf bestimmte Missstände aufmerksam gemacht werden. Wie schafft er es dennoch seine Zuhörer darauf hinzuweisen ohne sie zu desillusionieren?

„Denn während wir heute Abend feiern, wissen wir, dass die Herausforderungen von morgen die größten sind, vor denen wir jemals standen – zwei Kriege, ein Planet in Gefahr, die schwerste Finanzkrise seit einem Jahrhundert.“

Er nutzt also das Problem an sich als Chance und zeigt dem Publikum: Ja, ich bin mir der Herausforderung und den kommenden Rückschlägen und Fehlstarts bewusst, aber ich brauche euch, Amerika, um diese Dinge anzupacken. Nur mit eurer Unterstützung kann es mir gelingen für viele Probleme Lösungen zu finden. Barack Obama bleibt somit glaubwürdig. Trotz der euphorischen Stimmung unter seinen Zuhörern ist ihm bewusst, dass Probleme realistisch angegangen werden müssen. So vermittelt er ihnen: Amerika muss nicht repariert werden, Amerika muss erneuert werden. Denn etwas zu erneuern klingt immer besser, als etwas zu reparieren.

Durch Storytelling zu Empathie

Nicht nur die Wortwahl oder die positive Konnotation machen aus ihm einen fantastischen Redner. Er bedient sich zudem eines Stilmittels, welches in der professionellen Kommunikation als „Storytelling“ bezeichnet wird. Hierzu erzählt Obama von einer 106-jährigen farbigen Frau, die schon mehr erlebt hat, als wahrscheinlich jeder andere, der Obama in dem Moment zuhört:

Golden, Colorado, U.S.A. - September 13, 2012: In Golden's Lions Park, a large and diverse crowd of people has gathered to listen, applause and cheer President Barack Obama who speaks about his plans for the future.„Ann Nixon Cooper ist 106 Jahre alt. Sie wurde nur eine Generation nach der Sklaverei geboren, in einer Zeit, in der es keine Autos auf den Straßen oder Flugzeuge gab, in der jemand wie sie aus zwei Gründen nicht wählen durfte: weil sie eine Frau ist und aufgrund ihrer Hautfarbe. Heute Abend denke ich an alles, was sie in ihrem Jahrhundert in den Vereinigten Staaten gesehen hat – den Kummer und die Hoffnung, den Kampf und den Fortschritt, die Zeiten, in denen uns gesagt wurde, dass wir das nicht schaffen, und die Menschen, die am amerikanischen Glauben festhielten: Ja, wir schaffen das.“

Der Sinn dahinter ist offensichtlich: Er verdeutlicht anhand des bewegten Lebens dieser Frau, dass es in der Geschichte immer Höhen und Tiefen gab, gibt und geben wird. Aber vor allem zeigt er auf, was Amerika in den letzten 100 Jahren erreichen konnte. Zwar werden Barack Obama nur acht Jahre für seine geplanten Änderungen zur Verfügung stehen. Doch diese schöne Geschichte verdeutlicht, was sich ändern kann. Sie ist ein Symbol für den „Change“ in der kommenden Legislaturperiode.

Er appelliert an die Gefühle seiner Zuhörer, welche gar nicht anders können als mit Ann Nixon Cooper zu sympathisieren, die ohne Rechte geboren wurde, aber diese durch eine starke Gemeinschaft eingefordert und erlangt hat. Und das ist die berühmte Maxime „Yes we can“, die all die Tiefen verdeutlichen soll, trotz derer Amerika in der Vergangenheit wieder auf die Beine gekommen ist. 

Obamas melodischer Duktus

Barack Obamas Reden zeichnen sich jedoch nicht nur durch hervorragende Wortwahl und Symbolik aus. Vielmehr überzeugen sie durch den großartigen Einsatz seiner Stimme. Denn Obama versteht es, sein Stimmpotenzial nahezu kunstgerecht auszuschöpfen. Sein Duktus ist beinahe melodisch, seine Intonation und Modulation sehr ausdrucksstark. Er betont die wichtigen Punkte stets an den richtigen Stellen und verleiht seinen Worten damit immensen Ausdruck.

Diese wählt er zudem stets langsam und überlegt. Es wirkt fast so, als würde sich Barack Obama beim Reden selbst zuhören. Mit dieser Methode achtet er jedoch besonders darauf, wie sich sein Publikum verhält. Er gibt diesem einerseits genügend Zeit, um seine Worte zu verstehen, und andererseits kann er seinen Zuhörern durchweg Zeit zum Applaus einräumen. Unterstützt wird diese Vorgehensweise von einem tiefen, sonoren und besonders männlichen Klang der Stimme, welcher Kraft, Durchsetzungsvermögen und Autorität suggeriert.

So gelingt es ihm, mit Reden zu begeistern, wie hier geschehen am 05.November 2008. Eine Ansprache, stellvertretend für zahlreiche Wahlkampfreden im Vorfeld, die eindeutig in die Geschichte einging.

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