Ich plädiere für „Strategie statt Intuition“ oder „Prof. Kruse liegt falsch!“

Warum Unternehmer DRINGEND mit einer Strategie ins Social Web gehen sollten.

Prof. Kruse ist nicht nur von mir hoch geschätzt. Der Wissenschaftler erklärt in erstaunlich einfachen und klaren Worten das Phänomen Social Web. In einem Interview mit „Manager Seminare“ verlässt er aus meiner Sicht allerdings in gefährlicher Art seine Kernkompetenzen und gibt einen gefährlichen Tipp:


 

Wie bitte, Herr Professor? Sie sagen, die Unternehmen sollten sich auf ihre Intuition verlassen und ohne Strategie ins Social Web gehen? „Es ist eine Party!“

Party? Eigentlich eine gute Metapher. Wer erinnert sich nicht gerne an die Partys in seiner Jugend? Die meisten waren sicherlich auch lustig. So kann auch der Einstieg ins Social Web richtig lustig werden. Kann. Muss aber nicht.

Vermutlich hat jeder auch mal an einer Party teilgenommen, die in einem reinen Desaster endete. Man ist verzweifelt nach Hause gegangen und hat sich gefragt, was ist nur schief gelaufen? Die Gründe lagen dann vermutlich auf der Hand: Falsche Zielgruppe – sprich wir waren im falschen Netzwerk unterwegs. Geht mal als Sportstudent auf eine Party der Physiker und umgekehrt. Kann funktionieren und in einem rauschenden Fest enden  – muss aber nicht 😉 Um bei der Sache zu bleiben; bei einem Studenten reicht die Intuition mit klarem Kopf aus, um sich die richtigen Partys auszusuchen. Aber geht ein Konzern aus der Pharma-Branche etwa auf eine Party von Sportstudenten, um sein neues Inkontinenz-Medikament vorzustellen? Der Konzern leitet seine Eventplanungen von den in der Strategie festgeschriebenen Zielkunden, Multiplikatoren und Beeinflussern ab. Alles andere endet im Desaster.

Der Tipp der Koryphäe Kruse ist tatsächlich gefährlich. Ein Einzelunternehmer kann sich (wie der Student) auf seine Intuition verlassen; allerdings auch nur, wenn er diese selbst besitzt. (Um sich von Intuition führen zu lassen, ist Selbstreflektion dringend notwendig.) In einem mittelständischen Unternehmen kann es eigentlich nur zur Katastrophe führen, da der „Selbstaufschaukelungs-Effekt“ im Web auch bei Themen greift, die negative Auswirkungen auf das Unternehmen haben. Im folgenden möchte ich erklären und es sogar mit einer Aussage von Prof. Kruse selbst beweisen, dass Intuition für Unternehmen genau der falsche Weg ist, einen Einstieg ins Social Web zu wagen.

Schaut mal auf das bekannteste Video von Herrn Prof. Dr. Kruse.



Insbesondere die Minute zwischen  0:54 bis 1:53. Hier beschreibt der Professor das „Prinzip Selbstaufschaukelung“ und weist auch auf die Gefahren des Netzes hin. Im Grunde genommen ein Plädoyer FÜR STRATEGISCHES VORGEHEN. Denn durch den Einstieg ins Social Web steigere ich die Vernetzungsdichte im eigenen Unternehmen und mit meinen „Beeinflussern“ und „Multiplikatoren“. Dadurch, dass ich meinen Mitarbeitern zeige, dass das aktive Kommunizieren in den sozialen Netzwerken in Ordnung ist, animiere ich die bereits privat aktiven Mitarbeiter, es nun auch im Namen des Unternehmens zu versuchen. Gibt es keine Regeln, werden sie es tun und sich gerne von Ihrer Intuition leiten lassen. Kann funktionieren. Also erhöht sich auch die beschriebene Spontanaktivität und letztendlich können die kreisenden Erregungen bei heißen Themen zur Selbstaufschaukelung führen. Solange das im Sinne der Unternehmenskommunikation passiert, ist es ja in Ordnung. Doch sobald ein Thema aufkommt, das negativ auf das Unternehmen reflektiert werden könnte (Shitstorm), schreien alle nach Regeln. Besser, ich habe vorher festgelegt, wer, was (in welchem Rahmen), wann und wo zu kommunizieren hat. Nach der Erstellung einer Strategie fällt es aus meiner Erfahrung den Unternehmen auch leicht, einen Notfallplan zu erstellen um eine klare Vorgehensweise bei einem aufkommenden Shitstorm zu haben.

„Nur das Gesetz gibt uns Freiheit“

Prof. Kruse liegt in seinem Statement dem Irrtum vor, dass Intuition nur in einem Rahmen der Freiheit zu authentischen Handeln anregt. Es gibt sicherlich mehrere Ansätze die sich philosophisch mit dem Thema Freiheit auseinandersetzen. Ich dulde persönlich nahezu alle Ansätze. Mein persönlicher ist aus vielen Gründen so geprägt, dass ich ein Freund von klaren Regeln bin. Klare Regeln sind aus meiner Sicht kein Intuitionskiller;  sondern im Gegenteil die Grundvorraussetzung, dass wahre Kreativität und authentisches Handeln entstehen kann. Dabei darf man, aus meiner Sicht, auch gegen Regeln verstoßen, wenn, ja wenn das Ziel es wert ist, einen Versuch jenseits der Grenzen zu etablieren. Grenzen darf man versetzen. Regeln darf man ändern. Aber selbst das funktioniert am besten durch freie Geister in geregelten Räumen. Eine Strategie – und wenn es nur eine Social-Media-Strategie für Unternehmen ist, schafft diesen Rahmen. Der Psychologe spricht von dem Gefühl der Handlungssicherheit, dass wir dem Individuum geben, wenn die Führungskräfte den Mut haben die Rahmenbedingungen zu erarbeiten. Gerade bei der Entwicklung der Rahmenbedingungen, kann man auf seine Mitarbeiter zählen und sie in moderierten Prozessen an der Strategieentwicklung beteiligen. Dann ist es nicht nur ein „Gesetz“ von oben, sondern eine Strategie von allen.

 

Sicher diskussionswürdig. Ich freue mich über Kommentare, Anregungen, Andersdenkende.

 

Vielen Dank an Mirko Lange, der mit seinem Posting auf Facebook meine Aufmerksamkeit auf das Interview mit Prof. Kruse lenkte. Lange ist GF und Strategieberater bei talkabout in München.

 

Anbei noch eine Streitschrift, die den Gedanken aus, nennen wir es, ziemlich radikaler Sicht beleuchtet. Ich teile die Gedanken nicht ganz, glaube aber an die Überschrift „Nur das Gesetz gibt uns Freiheit“.

„Nur das Gesetz gibt uns Freiheit“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Ich stimme Ihnen da definitiv zu. Unternehmen – egal welcher Grösse – müssen unbedingt mit einer gewissen Vorkenntnis und auch einer Strategie ins soziale Web starten… nur so wird der Kanal auch eine Identität erhalten, auf Dauer auch eine Marketingnachricht transferieren und im Notfall ein Plan bereitliegen, wie man aus negativem Feedback einen positiven Effekt erzielen kann (und sei es nur, dass man weiss, wen man anrufen sollte).
    Es gibt sicherlich Beispiele, wie Intuition genau den Nerv der Kundschaft getroffen hat, aber diese Beispiele sind rar im Vergleich zu der doch vorhandenen Zahl an fehlgeführten Unternehmenskanälen und tendenziell auch nicht auf neue Käufergruppen passend.

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