Lügen: Das Schmiermittel unserer Gesellschaft Teil IV

Es war einmal…Lügenmärchen in der Rhetorik

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wir alle lügen. Sei es bei einer beiläufigen Äußerung, um einer Situation aus dem Weg zu gehen oder um negative Auswirkungen zu vermeiden. Mag man einigen Meinungen von Kommunikationsforschern und Wissenschaftlern trauen, lügen wir im Durchschnitt sogar 200x pro Tag. Vielleicht ist diese Behauptung an sich sogar schon eine Lüge.

Tun wir dem Begriff Lüge eventuell auch nur Unrecht und schieben ihm grundlos den schwarzen Peter zu? Lügen ist nicht so schlimm, wie wir annehmen und kann sogar in der Rhetorik oft als nützliches Hilfsmittel eingesetzt werden.

Wir haben bereits Teil I, Teil II und Teil III zu diesem Thema veröffentlicht. 

Lesen Sie hier nun den vierten Teil unseres Artikels:

Welche Rolle spielen Lügen in der Rhetorik?

Lügen sind nicht schlimm. Die meisten sind sogar total nett!

Auch in der Rhetorik nehmen Lügen einen Platz ein. So können die verschiedensten rhetorischen Werkzeuge dafür verwendet werden, um die Wahrheit etwas zu verdrehen oder diese zu kolorieren.

Wir malen uns aus, wie wir unser Gegenüber am besten von dem, was wir sagen überzeugen können. Sei es nur dadurch, dass wir die Wahrheit mit Hilfe von Übertreibungen, Untertreibung, Ergänzungen oder nicht Erwähnungen etwas „verbessern“.

Lügen entstehen durch Kommunikation miteinander. In der Rhetorik geht es selbstverständlich auch um Kommunikation und wo Kommunikation stattfindet sind Lügen natürlich auch nicht weit.

Wir können Lügen in verschiedensten Arten und Weisen in der Rhetorik nutzen. Beispielsweise kann eine nette Anekdote, die uns ermöglicht eine Verbindung zwischen uns und unseren Zuhörern herzustellen, durch sie eine effektivere Wirkung bekommen. Wir ergänzen die Anekdote durch ein paar kleine Details, die nicht zu 100 % wahr sind, sie aber in sich stimmiger und ansprechender machen. Übertreibungen können hilfreich sein, um Sachverhalte hervorzuheben und die eigene Meinung zu unterstreichen.

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Mit unserer Körpersprache, Mimik und Gestik können wir natürlich auch spielen und z.B. Übertreibungen verwenden. Wenn wir beispielsweise eine Hochzeitsrede halten und dort eine nette Geschichte von uns und dem Brautpaar erzählen wollen. Es werden die Augenbrauen hochgezogen die Augen weit aufgerissen um Überraschung auszudrücken. Wir stellen mit unseren Händen Dinge viel größer oder kleiner dar, als sie eigentlich waren.

Wir wollen einen Spannungsbogen erzeugen und unterhalten. Um einen fesselnden Einstieg bei Präsentationen, Besprechungen oder Moderationen zu erzeugen können wir das gleiche tun.

Lügen gehören zu der Rhetorik. Wie bei vielen Dinge im Leben gilt hier allerdings auch der Vorsatz des nur in Maßen Genießens. Schließlich wollen wir mit unserer Rede authentisch bleiben. „Ein guter Verkäufer lügt nie! Sein Job ist es aber die Scheinwerfer richtig einzustellen, damit das Gute im Lichte erscheint“ Zitat Michael Ehlers. Die Vorteile des Produktes müssen beleuchtet werden. So, dass die Nachteile die sich im Schatten des Lichtes befinden nicht von Bedeutung sind. Diese und weitere Weisheiten können im Premium Seminar Rhetorik I erlernt werden.

Um zu unterhalten oder zu überzeugen schmieren wir also etwas Butter an das Produkt, damit es an den richtigen Stellen glänzt. Schließlich wollen wir mit Reden unser Publikum mitreißen. Sie emotional berühren und dafür sorgen, dass unsere Botschaft verstanden wird und im Kopf unserer Zuhörer bleibt.

Nichts anderes passiert bei professionellem Marketing heutzutage. Es wird eine Geschichte erzählt. Davon, wie das jeweilige Produkt oder die Dienstleistung das Leben des Konsumenten bereichern wird. Nicht zuletzt ist das Konzept des Storytellings nicht nur in der Rhetorik sondern auch beim Marketing ein Erfolgsrezept. Wir lieben Geschichten einfach!

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Lügen in der Rhetorik sind so alt wie die Kommunikation selbst. Seit jeher erzählen sich Menschen Geschichten über Dinge, die sich erlebt haben. Wir versuchen unser Erlebtes in Worte zu fassen und so zu kommunizieren, dass unser Gegenüber das Erlebte quasi miterlebt.

Manchmal denken wir uns auch schlichtweg Dinge aus. Wir lassen unseren Gedanken und Insprirationen freien Lauf und wollen in unseren Zuhörern Gefühle auslösen. Um das zu erreichen bedienen wir uns gerne auch mal der ein oder anderen Unwahrheit.

Wir bauen uns mit Steinen aus Lügen in unserer Phantasie unser eigenes kleines Märchenschloss. Schon als Kinder bekommen wir in Märchen die perfekte Ausgabe der Wirklichkeit geliefert:

Am Ende gibt es immer ein Happy End, alle leben glücklich bis an ihr Lebensende und alle bösen Charaktere werden für ihre Taten bestraft. Während wir heranwachsen müssen wir allerdings feststellen, dass es in der realen Welt nicht immer ganz so rosig aussieht wie in unseren geliebten Märchen.

Können wir es uns überhaupt leisten die Wahrheit zu sagen?

Angesichts der Tatsache, wie sehr die Praxis des Lügens in unsere Gesellschaft verwoben ist, klingt der Versuch diese für immer aus unseren Köpfen zu verbannen vollkommen utopisch.

Doch sind Lügen wirklich immer positiv für unsere Gesellschaft? Welche Folgen würde es haben, wenn wir immer die Wahrheit sagen würden?

Stellen wir uns einmal vor, wir würden alles, was wir denken laut aussprechen. Endlich den ungeliebten Kollegen oder dem Chef mal so richtig die Meinung sagen. Keine falschen und vorgespielten Höflichkeiten mehr. Nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

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Wir würden unserem Partner, Freunden und Mitmenschen alles erzählen, keine Details weglassen und mit unserer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Diskussionsstoff über unsere Äußerungen hätten wir damit sicherlich genug.

Spinnen wir dieses Gedankenspiel mal etwas weiter.

Nehmen wir mal an, wir würden zu unseren Mitmenschen immer zu 100 Prozent ehrlich sein. Wollen wir z.B. Kindern wirklich sagen, dass wir das von ihnen gemalte Bild in Wahrheit nicht schön finden oder, dass sie total schrecklich klingen, wenn sie singen? Wollen wir Ihnen sagen, dass wir denken, dass selbst Nachhilfeunterricht bei Ihnen nichts bringen würde, weil sie totale Nieten in Mathe sind und bleiben werden? Wollen wir unserer Kollegin sagen, dass wir ihr neues Kleid oder ihren neuen Haarschnitt nicht entzückend, sondern überaus hässlich finden?

„Es gibt soziale Situationen, in denen Lügen nur minimale Folgen haben, weil der andere die Wahrheit weder kennen will noch muss“, so der Psychologe Robert Feldmann. Damit sind vor allem Alltagslügen gemeint. Doch komplett folgenlos ist natürlich keine Lüge. Aber niemand gibt gerne zu gelogen zu haben.

So lassen wir Lügen lieber verfallen, statt diese richtigzustellen. Sind wir von Beginn an bei einer Beziehungen mit anderen Menschen nicht ehrlich, so kann es schwierig werden, diese Lügen später rückgängig zu machen. Vertrauen, das einmal missbraucht wurde wieder vollkommen zurück zu erlangen kann zu einem langwierigen oder unmöglichem Prozess werden.

Viele Lügen zielen natürlich darauf ab, unser Miteinander mit Anderen konfliktarmer oder ‚besser‘ zu machen. Aber was ist eigentlich mit den Lügen, die wir uns selbst erzählen? Wir sind Meister darin uns selbst zu belügen. Wir lügen uns selbst ständig bezüglich unseres eigenen Verhaltens, Wünschen und Emotionen an.

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Wir bauen mit unseren Lügen eine Brücke zwischen dem Ist und dem gewünschten Soll Zustand. Wir tun dies mit Hilfe unserer Phantasie darüber, wie die Wahrheit eigentlich sein sollte.

Wir schaffen uns unsere eigene Version der Wahrheit. Tun wir das, was wir tun wirklich, weil wir denken, dass es das Richtige ist? Oder doch nur, weil wir denken, dass es das ist, was die Gesellschaft von uns verlangt?

Ab und zu würde es uns sicherlich nicht schaden, öfter die Wahrheit zu sagen. Schlussendlich ist ein gesundes Maß an Konflikten wichtig, um unausgesprochene Emotionen mitzuteilen. Unehrlich zu sein, kann nicht nur anderen, sondern auch uns selbst schaden. In der Gesellschaft werden wir Lügen wohl niemals ihren Platz streitig machen können.

All die kleinen und großen Flunkereien, Wahrheitsverdrehungen, Unwahrheiten, Untertreibungen und Übertreibungen in unserer Gesellschaft müssen wir zwangsläufig akzeptieren. Allerdings können wir unseren eigenen Lügenrucksack, den wir uns immer dann anziehen, wenn wir uns mal wieder selbst belügen ablegen und wenigstens ehrlich zu uns selbst sein.

Hier noch ein paar abschließende Worte von Michael Ehlers zu unserer Lügenserie auf unserem YouTube Kanal 

Mehr zum Thema Lügen können Sie in dem sehr sehenswerten TED Talk ,,Honest Liars- the psychology of self-deception“ von Dr. Courtney Warren erfahren.

Mehr über das Premium Seminar Rhetorik I

Mehr Informationen über den Aufbau aller unserer Seminare können Sie auf Der-Rhetoriktrainer.de erfahren

Lesen Sie hier den ersten und zweiten und dritten Teil unseres Artikels.

Teil 1: http://www.blog.michael-ehlers.de/luegen-das-schmiermittel-unserer-gesellschaft-teil-i/

Teil 2: http://www.blog.michael-ehlers.de/luegen-das-schmiermittel-unserer-gesellschaft-teil-ii/

Teil 3: http://www.blog.michael-ehlers.de/luegen-das-schmiermittel-unserer-gesellschaft-teil-iii/

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