Nonverbale Kommunikation – Das Mehrabian Missverständnis

Äußere Kommunikation besteht zu 93% aus nonverbaler Kommunikation. Seit Jahrzehnten erzählen dies Trainerkollegen. Grundlage ist eine Forschungsarbeit des angesehen Psychologen Prof. Albert Mehrabian. Danach wurde geschlussfolgert, dass 55% der Kommunikation zwischen zwei Menschen die Körpersprache ausmacht, 38% über Ton und Stimme transportiert wird und nur 7% über den Inhalt. Mir ist diese Schlussfolgerung schon bei meinem ersten Kommunikationstraining 1990 bei der Bundeswehr begegnet. Zahlreiche weitere Trainings beim Bund und während meiner Verkäuferausbildung sowie meine Seminare in der Akademie der Führungskräfte, Bad Harzburg bedienten sich an dieser Theorie – oder besser; an der Schlussfolgerung.

Website Prof. Mehrabian
Website Prof. Mehrabia

 

 

 

 

Dann passierte es. Bei einem meiner zahlreichen Vorträge, habe ich spontan die Schlussfolgerung bedient und als Beweis für die Wichtigkeit der Körpersprache genutzt. Im Publikum saß ein deutscher Psychologie-Professor, der (zum Glück!) nach dem Vortrag zu mir kam und sagte: Der Vortrag habe ihm >soweit ganz gut< gefallen, aber er findet es fürchterlich, dass er von dieser >Trainerbande< immer und immer wieder das Mehrabian Beispiel mit einer völlig falschen Schlussfolgerung hört. „Plappert ihr das eigentlich alle nach ohne es zu überprüfen? Inzwischen gibt es das Internet und man kann ganz leicht herausfinden, was der Urheber dieser Theorie von der Schlussfolgerung hält: nämlich NICHTS!“

Das war natürlich wie ein Schlag ins Gesicht. Seitdem habe ich diese Theorie nicht mehr ernsthaft verwendet.

Wo liegt denn nun der Unterschied zwischen der tatsächlichen Theorie und der Schlussfolgerung der internationalen Trainerbranche?

 

Nachfolgend die Übersetzung des Interviews mit Albert Mehrabian zum Thema nonverbale Kommunikation:

 

Albert Mehrabian zum Thema Nonverbale Kommunikation

Original-Quelle: http://www.speakingaboutpresenting.com/albert-mehrabian-nonverbal-communication/

Letzte Woche haben wir versprochen, eine der meist zitierten, aber am wenigstens verstandenen Statistiken  zu untersuchen, die da lautet: 93% der Kommunikation ist nonverbal.
Allerdings ist es manchmal erforderlich, mehr ins Detail zu gehen.
Denn tatsächlich besteht die Kommunikation zu 7% aus Worten, zu 38% aus Ton und Stimme und zu 55% aus Körpersprache.
Nebenbei bemerkt: Das ist es, was Typen mit trendigen Brillen auf Managementseminaren erzählen.
Aber: Ist das wahr?
Die Zahlen wurden 1968 durch die Untersuchungen des kalifornischen Psychologen Albert Mehrabian ins Leben gerufen.
Und hier sitzen wir nun, 41 Jahre später und reden noch immer darüber.
Wir haben Dr. Mehrabian ausfindig gemacht und ich habe ihn gleich zu Beginn gefragt, ob nun 93% der Kommunikation nonverbal ist.

„Absolut nicht! Und immer, wenn ich von dieser Fehlinterpretation meiner Untersuchungen höre, krümmt es mich.
Denn eigentlich sollte es für jeden, der einen Hauch gesunden Menschenverstand besitzt offensichtlich sein, dass das nicht die korrekte Aussage ist.
Wenn ich Ihnen beispielsweise sagen würde, dass ein Paket, das  Sie suchen sich oben im Schlafzimmer, in der Kommode, in der dritten Schublade von oben befindet, dann könnte ich das nicht ohne Worte.
Ich könnte versuchen, darauf zu zeigen, aber das würde nur schwer den genauen Standort des Paketes bestimmen. Mit Worten kann ich das im Gegensatz dazu sehr präzise.“

Wie haben Sie ihr Experiment denn durchgeführt?

„In der ersten Stufe der Studie wurde eine Anzahl an Wörtern ausgewählt, die durch sich selbst eindeutig positive Gefühle kommunizieren.
Die positiven Wörter waren Honey (engl. Kosename) bzw. Honig, Danke, großartig und Liebe.
Neutrale Begriffe waren vielleicht, wirklich, also und was und die negativen Wörter waren nicht!, herb, schrecklich, nein, verschwinde!.
Dann hatten wir Redner, die diese Worte vortrugen und damit versuchten, ein positives, neutrales oder negatives Gefühl zu kommunizieren.
Dabei stellte sich heraus, dass die stimmlichen Elemente schneller und stärker ins Gewicht fielen, wenn es einen Widerspruch zwischen den Wörtern und den Stimmelementen gab.
Die Wörter selbst hatten kaum Einfluss.

Die Stimmelemente waren 5,4x stärker als die Wörter.
In einer Folgestudie war es mir möglich klar herauszustellen, dass die Gesichtsausdrücke 1,5x stärker waren, als die stimmlichen Elemente.
Daraus ergibt sich nach meiner Meinung eine Ungleichung.
Nachdem ich die Ergebnisse der ersten und zweiten Studie kombiniert hatte, gelang ich zu den linearen Bestandteilen für Inhalt, Stimme und Mimik der Kommunikation und das ist die Formel, die von den Leuten zitiert wird.“

 

Nachdem was Sie sagen, ist die Stimme also rund 5,5x wichtiger als das Wort/der Inhalt, womit wir bei 7% zu 38% wären. Dann wissen wir, dass die Körpersprache 1,5x wichtiger ist, als die Stimme. Damit wären wir bei 38% zu 55%, um auf die 100% zu kommen.
Sie stellen eine sehr zielgerichtete Frage hinsichtlich des Ausdrucks einer Emotion.

Absolut. Es gibt einfach keine Frage, die man nicht aus Untersuchungen zur allgemeinen Kommunikation ableiten kann.“

Sie gingen nach Ihrer Studie 1968 ja nicht gleich in Rente. Wie fühlt es sich an, diese Untersuchungen gemacht zu haben auf die sich jeder fokussiert und die immer wieder missverstanden wird?

„Wenn ich auf das Werk, das ich vollbracht habe zurückblicke, dann habe ich das Gefühl, als hätte ich sehr viel wichtigere Arbeiten in vielen Bereichen psychologischer Forschung verrichtet.“

 

Das Problem an der Sache ist allerdings, dass die Untersuchung, auf die sie so stolz sind, viel detaillierter und anspruchsvoller ist. Sie kann nicht in einer dämlichen, total missverstandenen Statistik à la „93% der Kommunikation ist nonverbal“ zusammengefasst werden.

Aber so ist es nun einmal….“

 

 

Tolles Interview. Und zeigt auch gleichzeitig, dass es das Phänomen der „Selbstaufschaukelung“ (viraler Effekt) auch schon weit vor dem Internet gab. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die bisherigen Schlussfolgerung den Prof. deutlich überleben werden. Und Ihr?

 

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4 Kommentare

  1. Hey Michael,
    kannst Du mir Übungen nenne, um die selnsibilität für die Kommunikation zu stärken?
    Damit ich mit meiner ausdrücke bewusst werde.

    Karl

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