Sind unsere Journalisten noch „politisch korrekt“?

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Berichterstattung aus der Sicht eines Rhetoriktrainers  Eine öffentliche und vor allem politisch differenzierte Debatte zum Thema „linker Aktivismus“ ist allerspätestens seit den Ausschreitungen im Rahmen des G20-Gipfels in Hamburg unvermeidlich geworden. Damit solch eine Debatte korrekt geführt werden kann, ist es aus kommunikativer Sichte allerdings notwendig, erst mal einen Schritt zurück zu gehen und sich mit dem allgemein vorherrschenden terminologischen Konsens zu befassen, der medial vorherrscht. Denn die Terminologie innerhalb der Medienberichterstattung, sei es Print, online oder im TV, determiniert den öffentlichen Diskurs wesentlich. Und wenn die politisch „unkorrekt“ ist, wird es die Debatte auch.

Die Problematik beginnt bei journalistischen Produktionen wie beispielsweise dem Artikel von Spiegel Online am vergangenen Samstag. Dort heißt es direkt im ersten Satz: „Hamburg ist seit Jahrzehnten ein Zentrum linker Aktivisten […]“. Unabhängig von der politischen Ausrichtung, egal, ob links, rechts, mittig, oben oder unten, der Begriff „Aktivisten“ ist in diesem Kontext semantisch schlichtweg falsch. Der Bezugsrahmen des Artikels ist eine Analyse der gewaltsamen und hochkriminellen Eskalationen im Hamburger Schanzenviertel – Attribute, die nicht in der Definition von Aktivismus vertreten sind, sondern in der des Terrors. Terror ist laut Duden die „[systematische] Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen (besonders zur Erreichung politischer Ziele)“. Und nichts anderes hat in Hamburg stattgefunden. Wenn aber sowohl die Medien als auch die Politik bereits im Gespräch über Konsequenzen an der korrekten Wortwahl scheitern, werden sie es erst recht an ihrer Umsetzung. Dabei macht es einen gravierenden Unterschied, ob wir öffentlich über Aktivismus oder Terror diskutieren. Letzterer erfordert ein rechtlich härteres und den Gewaltverbrechen zweifelsohne angemesseneres Vorgehen.

Des Weiteren hat am Mittwochabend bei Maischberger der CDUler Wolfgang Bosbach die linke autonome Szene als rechtsfreien Raum bezeichnet. Rechtsfrei? Ja. Autonom? Bitte überdenken. Die Bezeichnung linksradikaler Extremisten als „Autonome“ ist ebenso falsch, und zwar aus einem ganz einfachen Grund:

Autonomie schließt laut Immanuel Kant den sittlichen Willen und die praktische Vernunft ein und sei daher das alleinige Prinzip aller moralischen Gesetze und […] Pflichten – also kein rechtsfreier Raum. Damit die Beurteilung nicht auf plakativen Beispielen basiert, ziehe ich zur Verdeutlichung nicht etwa die Vandalen aus dem Schanzenviertel, sondern den Anwalt und Frontmann der Roten Flora, Andreas Beuth, heran. Der hat als Mitorganisator der Demonstration „Welcome to Hell“ besagten Vandalen in einem Interview seine Sympathie ausgedrückt und oben drauf noch den konstruktiven Rat gegeben, das nächste Mal doch eher ein Reichenviertel ins Visier zu nehmen. Will man so einen Menschen ernsthaft autonom, also vernünftig und moralisch nennen?

Es hat auch durchaus seine Berechtigung so weit zu gehen, als dass man radikale Gruppierungen wie die Rote Flora oder die Gewalttäter mit „links“ nicht gleichsetzt. Differenziert man sauber, erkennt man schnell, dass der Grundgedanke linksgerichteter Politik per se nichts mit Gewalt zu tun hat. Der Gedanke ist, dass das politische System an sich schlecht ist und durch gute Akteure allein nicht besser werden kann. Gewaltsam gegen die Polizei vorzugehen, ändern also am System gar nichts, weil diese nur exekutiv handelt. Diese Differenzierung hat auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Katharina Barley bei Maischberger versucht vorzunehmen – vergeblich. Auffällig war auch, dass Maischbergers eingangs gestellte Frage, in welchem Bereich man die Gewalttäter denn einstufen solle, einfach nicht beantwortet wurde. Linke Hooligans, Linksradikale oder doch nur gelangweilte Kriminelle ohne politischen Hintergedanken? Terroristen kamen als Antwortoption übrigens erst gar nicht in Frage. In der Runde hat Frau Maischberger leider gezeigt, dass „politische Korrektheit“ vorgeht und es wohl sicherer ist, verbal um Fakten herumzutänzeln, anstatt Fragen „journalistisch Korrekt“, nämlich wahrheitsorientiert, zu formulieren!

 

 

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