Trump(f) oder Wahnsinn?

Wie der Wahlkampf in den USA zur Schlammschlacht verkommen ist

 

Schon seit jeher ist der US-Wahlkampf eine emotionale Geschichte. Aber mit welchen Mitteln Hillary Clinton und Donald Trump um den Schlüssel zum Weißen Haus konkurrieren, lässt selbst das dramaturgisch geschulte amerikanische Bewusstsein den Kopf schütteln. Denn seit der TV-Debatten ist der Wahlkampf in den USA nur noch eine hässliche Schlammschlacht. Nun, wenige Tage vor der endgültigen Entscheidung, werfen wir noch mal einen detaillierten Rückblick auf drei TV-Duelle, die in der Politik ihresgleichen suchen. 

Bei den TV-Debatten im US-amerikanischen Wahlkampf sieht halb Amerika zu. Millionen von Zuschauern verfolgen die Duelle vor den Fernsehbildschirmen. In den Streitgesprächen, die nur wenige Wochen vor der Wahl stattfinden, können wir die beiden Präsidentschaftskandidaten endlich gegeneinander antreten sehen. Ohne die Fragen der Journalisten zu kennen, müssen sie gut vorbereitet, souverän und vor allem schlagkräftig auftreten. Denn hier werden Vorwürfe gemacht, es wird gekontert, gezankt und geschimpft.

Das erste TV-Duell der Geschichte fand 1960 zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon statt. Seitdem gilt: Nicht Inhalte, sondern perfektes Auftreten entscheiden die Debatte. Ginge es nach Inhalten, hätte wohl jeder Richard Nixon einen Sieg bescheinigt. Doch der Stab des Präsidentschaftskandidaten war auf das damals junge Medium Fernsehen derart schlecht vorbereitet, dass sich heute jeder Amerikaner nur noch an Nixon’s blasses, verschwitztes Gesicht erinnert. In Zeiten der perfekten TV-Inszenierung begegnen uns falsche Schminke oder die Wahl eines unpassenden Outfits nicht mehr. Nun zählen – natürlich neben Inhalten – vor allem Merkmale wie Mimik, Gestik oder Modulation der Stimme. Wir haben für Sie beide Kandidaten analysiert und präsentieren nun eine perfide Schlammschlacht in drei Akten.

„Donald“ und „Frau Ministerin“

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Bereits im ersten TV-Duell gehen beide Kandidaten in die Offensive. Sie fallen sich regelmäßig ins Wort, wodurch der Moderator mehrmals Ermahnungen aussprechen muss. Als es um Donald Trumps Steuererklärung geht, erhitzen sich die Gemüter endgültig. Clinton wirft Trump vor, seine Steuererklärung zurückzuhalten, woraufhin dieser kontert, dass er seine Steuererklärung offen legen wird, sollte Clinton ihre 3000 gelöschten E-Mails veröffentlichen. Hier bedient sich Trump einer cleveren rhetorischen Strategie: Er geht in die Offensive, setzt Clinton unter Druck und bringt sich so in eine sichere Position.

Klar ist: Beide haben „Dreck am Stecken“, möchten das aber so gut es geht dem anderen zuschieben. Getroffene Hunde bellen am lautesten. Das kann wahrscheinlich jeder bestätigen, der die beiden anschließenden Debatten verfolgt hat!

Im Allgemeinen geht Donald Trump in allen Debatten schnell zu seinem gewohnt lauten, agressiven und selbstherrlichen Wortlaut über. Hillary Clinton hingegen wirkt in allen drei TV-Duellen sachlich und selbstsicher. Oft gibt sie sich belustigt, wenn Trump spricht. Die gegenseitige Ablehnung der beiden Kandidaten ist klar erkennbar, zeigt sie sich doch vor allem in der Anrede des Gegenüber: Generell spricht Clinton ihren Konkurrenten nur mit „Donald“ an, während dieser sie überwiegend „Frau Ministerin“ nennt.

Locker room talk

Nach den Enthüllungen um Donald Trumps viel diskutiertes Frauenbild eröffnet die zweite Debatte endgültig eine Schlammschlacht, wie wir sie in einem US-Wahlkampf zuvor noch nicht erlebt haben. Der ausgebliebene Handschlag zu Beginn ist dabei nur der Anfang. Im Folgenden werfen sich beide heftige Anschuldigungen um die Ohren. Sie attackieren sich fast ausschließlich auf der persönlichen Ebene, eine echte politische Debatte bleibt dabei auf der Strecke. Die Diskussion besteht wechselnd aus Anschuldigung, Verteidigung und Gegenangriff. Jeder der beiden versucht dem anderen in der öffentlichen Meinung den größten Schaden zuzufügen.

Als Zuhörer merken wir bei Hillary Clinton aber immer noch, soweit es die Debatte zulässt, eine Themenagenda. Sie trägt einige Punkte nacheinander vor, die sie angehen möchte. Sie hat sich vorbereitet und weiß ganz genau, welche Schritte nötig sind, um gewisse Probleme zu lösen. Es geht hier nicht darum, ob sie es wirklich schaffen wird Missstände zu beseitigen, sollte sie Präsidentin werden, sondern darum, wie eloquent und sicher sie über Amerikas Brennpunkte Bescheid weiß.

Trump setzt derweil weiterhin auf Emotionen. So entsteht der Eindruck, dass er eigentlich gar keine Lösungen parat hat, sondern nur durch Aufzeigen von Missständen auf Stimmenfang geht. Denn natürlich ist es oft einfacher sich zu beschweren, als konkret einen Lösungsweg einzuschlagen. Pauschal zu behaupten, dass alle Mexikaner erstens illegal in Amerika leben und zweitens alle kriminell sind, ist einfach und wird vor allem die ungebildete und unzufriedene Bevölkerung ansprechen.

Die Strategie seines Teams ist es unentschlossene und unzufriedene Wähler durch polemische und verallgemeinernde Äußerungen zu gewinnen und sie auf der Gefühlsebene zu erreichen. Alleine die Tatsache, dass Donald Trump auf dieser Bühne steht, ist der Beweis dafür, dasss diese Strategie aufgeht.

Du sollst nicht…

…mit dem Finger auf andere zeigen! Erst recht nicht in der Politik. Der ausgestreckte Finger hat ein klares Ziel: Die Anklage!  Sind wir mit einer Situation oder einer Person unzufrieden, setzen wir mit dem Zeigefinger oft den sog. Punkt. Im Politikgeschäft, in dem gerne und oft angeklagt wird, sollte diese negative Geste jedoch vermieden werden. Barack Obama beispielsweise benutzt für diesen Punkt seine geschlossene Faust, über die er dann den Daumen legt.

Dfingerzeig_trumponald Trump aber setzt den ausgestreckten Zeigefinger bewusst ein. Schließlich ist dies sein Markenzeichen aus der Reality-Soap „The Apprentice“, in der er Menschen per Fingerzeig feuert.

Während Hillary Clintons Körpersprache überwiegend „normal“ ist, erfahren wir beim Republikaner durchweg viel Bewegung im Oberkörper. Wir erkennen ständig wiederkehrende Gesten, die Donald Trump während seiner Reden einsetzt. Neben dem ausgestreckten Zeigefinger berührt er auffällig oft Daumen und Zeigefinger und formt sie zu einem Kreis, während sich seine Hand dabei auf und ab bewegt. Mal formt er aus diesem Kreis auch ein L. Mit beiden Gesten betont er wichtige Punkte seiner Rede und verdeutlicht dadurch, dass er voll und ganz hinter dieser Aussage steht. Eine Bewegung, die zum Nachahmen anregt und deswegen viel Anerkennung in den Reihen seiner Wähler erhält.

Weil der zum Narzissmus veranlagte Trump gerne und oft über sich selbst spricht, benutzt er nonverbale Zeichen, um seine Zuhörer einzubeziehen. Dabei breitet er seine Arme seitlich aus, nimmt die Handflächen nach oben und zieht den Kopf in den Nacken. Was allgemein als „Ich bin unschuldig“-Geste bekannt ist, benutzt Trump, um zu verdeutlichen: „Hey, ihr könnt mir vertrauen! Ich bin ein anständiger Typ!“

Trotzdem ist davon auszugehen, dass Donald Trump keine außerordentliche Schulung in Körpersprache genossen hat. Die sehr markanten, sich oft wiederholenden Gesten wirken außergewöhnlich. Doch wiederkehrende Gesten prägen sich beim Zuseher ein und erzeugen so mit dem Gesagten eine bleibende Wirkung.

Die Ablehnung ins Gesicht geschrieben

Trump wirkt während der Debatten zumeist verbissen und arrogant. Er zieht regelmäßig die Augenbrauen hoch und schürzt die Lippen, um Hillary Clinton zu verdeutlichen: „Ich glaube dir kein Wort! Was du sagst, stimmt nicht.“ Trump macht dieses Gesicht ziemlich oft und beweist dem unentschlossenen Wähler somit große Zweifel an Clintons Ausführungen.

Mit Sicherheit kann Trump bei seinen Unterstützern auch mit diesem Gesicht punkten, das den Kämpfer mimt. Auf Plakaten ist sein Gesichtsausdruck oft grimmig nach vorne gerichtet. Dies spiegelt gut die Wut vieler Bürger wider, von denen sich vor allem viele Einkommensschwache und Minderheiten von der Regierung im Stich gelassen fühlen. Das weiß Donald Trump und macht sich den Ärger der Bürger zunutze. Da Hillary Clinton eher nicht den Ruf der grimmigen, nach vorne schreitenden Kämpferin innehat, ist der Kontrast umso größer und Donald Trump sticht weiter hervor. Wut ist ein starkes Gefühl, das zunächst mehr Menschen mitreißen kann, als es Vernunft und Sanftheit kann.

giphyClinton bleibt in ihrer Mimik relativ unauffällig. Wenn sie sich gegen Trumps Anschuldigungen (von denen es von beiden Seiten nur so wimmelt) wehrt, verändert sie ihren Gesichtsausdruck nicht signifikant und bleibt in ihrem gesamten Habitus entspannt.

Wenn sie Trump zuhört, verdeutlicht sie oft durch Schmunzeln oder indem sie ihre Augenbrauen nach oben zieht, dass sie dem Gesagten nicht zustimmt oder sehr skeptisch ist. Durchgehend stellt sich dem Zuschauer bei Clinton der Eindruck ein, sie sei mit ihren Argumentationen zufrieden und lasse sich nicht schnell aus der Ruhe bringen.

Kleine Geste mit großer Bedeutung

Auch im dritten Duell (in dem es übrigens wieder sachlicher zugeht) fällt auf, dass sich die beiden zu Beginn den Handschlag verweigern. Eine unterlassene Geste ist auch eine Geste! Beide betreten den Raum zum Publikum gewandt, drehen sich ganz kurz zueinander und bleiben mit genügend Abstand stehen.

handaufrueckentrumpTrump’s demonstrierte Dominanz zeigt sich vor allem an seinen Gesten: Trump tätschelt Clinton, während die beiden sich im ersten Fernsehduell die Hände geben, den Rücken. Für den Zuschauer ist es womöglich lediglich ein freundlicher Handschlag, der gar nicht weiter auffällt. Geübte Augen sehen jedoch den wahren Sinn der Geste, denn Trump möchte demonstrieren: „Ich habe dich in der Hand und ich nehme dich nicht für voll.“
Höchstens ist ein kurzes Kopfnicken zur Begrüßung zu bemerken. Der Zuschauer sieht, dass sich die Fronten verhärtet haben und eisern um Stimmen gekämpft wird. Da ist nicht viel Zeit für Zutraulichkeiten!

Sie merken: Winzige Mimiken und Gesten, die im ersten Moment harmlos erscheinen, entpuppen sich bei näherer Betrachtung als sehr wichtig. Der Milliardär ist sich sicherlich bewusst, dass Clinton mehr Erfahrung in der Politik mitbringt und sie wenige Tage vor der Wahl die knappe Mehrheit der Wähler auf ihrer Seite hat.

Das darf er aber natürlich nicht zeigen, er muss seine Unsicherheit verbergen. Dass ein Mensch unsicher ist und sich nach außen nicht so gibt, wie er sich wirklich fühlt, erkennt man oft daran, dass er „den Harten markiert“ und sein Gegenüber durch Unterbrechen, pauschale Anschuldigungen und abfällige Gestik und Mimik klein zu machen versucht. Ein souveräner Redner, der mit sich im Reinen ist, hat das nicht nötig. Er weiß, was er tut und was er erreichen will. Sollte er Gegenwind bekommen, hat er mehr drauf, als bloße Pauschalisierungen und Lügenbezichtigungen.

In Trumps Gebaren steckt sein großer Erfolg, den wir augenblicklich auch in der deutschen Politiklandschaft vernehmen. Fakten hat dieser Wahlkampf längst hinter sich gelassen. Und wo Fakten und Vernunft enden, entscheiden letztlich oft Rhetorik und Körpersprache.

Obwohl Hillary Clinton alle drei TV-Debatten für sich entscheiden konnte, bleibt es weiterhin spannend im US-Wahlkampf. Die Einmischung von FBI-Chef James Comey im Zusammenhang mit Clintons privater E-Mail Adresse kann auf den letzten Metern noch für mächtig Wirbel sorgen. Der Vorsprung bröckelt. Diese Intervention in den Wahlkampf so kurz vor dem Ende ist ein Novum. Aber was war schon normal in diesem Wahlkampf?

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